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Yang-Stil Anwendungsform
von Michael Babin
(1)
Übersetzung: Frauke und Ron Beier


Obwohl es keinesfalls falsch ist, die traditionelle langsame Yang-Stil Form in verschiedenen Geschwindigkeiten zu üben, hat die Yang-Tradition auch eine “geheime” (sprich: heutzutage selten gelehrte) lange, schnelle Form, die komplett anders ist als die langsame Form und konzipiert wurde, um schnell und kraftvoll ausgeübt zu werden. Wie ich sie von meinem Hauptlehrer gelernt habe, kann sie auch in zwei Teile getrennt werden und von zwei Schülern wie ein Puzzle als Anwendungsform zusammengesetzt werden. In einigen Schulen wird diese Form zuerst als zwei getrennte Formen gelehrt; manchmal wird sie nur als Anwendungsform beigebracht und nicht zuerst als Einzelform.

Bedauerlicherweise wird diese wunderbare Trainingsform zunehmend selten, weil sie viel Zeit in Anspruch nimmt, um sie zu lernen, ziemlich viel Platz für die Ausübung braucht und einen Partner, der mindestens die andere Hälfte dieses Kampfpuzzles kennt. Hinzu kommt, dass viele der Lehrer in Nordamerika, die sie noch unterrichten, haben die Geschwindigkeit und die Intensität aus verschiedenen Gründen geändert, nicht zuletzt aus Gründen der Schüler-Sicherheit und Aufnahmebereitschaft. Zum Beispiel, ich habe gesehen wie die Form von den Schülern eines berühmten amerikanischen Lehrers ausgeführt wird, ohne dass die zwei Spieler jemals mit den Armen Kontakt haben, wenn sie die Form zusammen ausführen!

Auf der anderen Seite ist es wichtig, während des Trainings vorsichtig zu sein! In der Tat muss man auf eine Art und Weise “falsch” üben, um die Sicherheit des Partners willen, es sei denn, beide Teilnehmer sind gleich groß, gleich schwer und mit ebenbürtigen Fähigkeiten. “Falsch” im Sinne von nicht zu schnell und ohne den Gebrauch der explosiven Energie. In Bezug auf diesen Vorbehalt es ist auch wahr, dass das “fließen” einer Technik in die andere erfordert, dass keiner der Partner jemals eine Technik zu Ende führt – wenn man keinen kompetenten Unterricht bekommen hat, kann man eigentlich nie ein Gefühl dafür entwickeln, wie jede Methode funktionieren könnte, wenn sie nicht fachgerecht gekontert wird.

Es ist ziemlich umstritten, wer diese Form erfunden hat und solche Diskussionen über die Legitimität und “Familie” kontra “nicht-Familie” sind oft heftig sowie sinnlos. Meine eigene Meinung ist, dass wer auch immer sie erfunden hat, ein Genie war, und wenn Sie das Glück haben, Zugang zu einer der legitimen Versionen der Form zu haben, können Sie sich glücklich schätzen.

Geschichtlich betrachtet ist es auch wahr, dass viele der Anwendungen “Museumsstücke” sind - die Wahrscheinlichkeit, dass man von einem Straßendieb mit, zum Beispiel, diagonalen Fliegen angegriffen wird, ist eher gering. Jedoch sind die wahren “Schätze” des Langzeittrainings die interne Körpermechanik, “Timing” und der Gebrauch von Sensibilität und peripheres Sehvermögen anstatt nur eine Beherrschung der einzelnen Techniken. Es ist zudem eine gute Übung der Kontinuität und Ausdauer. Zum Beispiel: sollte man anfangen, die Luft während der Übung anzuhalten, wird man finden, dass man am Schluss am Schnaufen und Keuchen ist, sogar wenn man relativ fit ist.

Meiner Meinung nach brauchen die Schüler, die diese Form studieren, gefestigte Grundfertigkeiten des Yang-Stils, Feingefühl, die Fähigkeit fließen und sich ändern zu können sowie die Bereitschaft, ein paar blaue Flecken zum Zweck ihres Trainings zu riskieren.

Geben Sie acht auf folgende Punkte, wenn Sie mit den Studium einer Anwendungsform beginnen:
   
l Viele der defensiven Methoden funktionieren am besten, wenn man lernt, sich nur soviel wie notwendig von der ankommenden Kraft weg zu bewegen, anstatt “davon zu laufen”;
l Die meisten der scheinbaren “zieh”-Bewegungen sind tatsächlich ruckartige Stöße nach unten. Seien Sie aber vorsichtig, wenn Sie mit einem Partner trainieren, da Sie Ihrem Partner Schleudertraumata verursachen können bzw. ihn KO schlagen (Sinn der Sache in Hinsicht auf die Kampfkunst), sollten Sie die Bewegung übertreiben und Ihr Partner steif reagiert.
l Das Ausatmen mit einem Laut kann helfen, dass man nicht unnötig außer Atem kommt. Machen Sie aber “Ha” Laute nicht zu laut, da Sie dadurch mehr Kraft/Geschwindigkeit als beabsichtigt verwenden könnten und sich verletzen könnten (d.h. Ihre Gliedmaßen überdehnen) oder Ihren Partner verletzen bzw. die Katze erschrecken könnten, sollte man allein Zuhause üben.
l Schließlich soll man diese Form zu verschiedenen Geschwindigkeiten bzw. Intensität ausführen können und es ist wesentlich, dass man das Ziel nicht vergisst: die Anwendung von einer internen Kampf-Sensibilität zu lernen und nicht einfach auf den Partner losdreschen und umgekehrt oder miteinander schön tanzen. Sinnvolle Koreografie setzt voraus, dass beide Spieler achtgeben, egal wie schnell oder langsam sie zusammen üben.
   
Wie auch immer man diese Form nennt -- großes San-Sau oder die schnelle Yang Form oder die geheime Yang Kampfform oder die 88 Haltungen-Anwendungsform – es kann eine wertvolle Ergänzung zum Üben des Taiji sein: sozusagen ein schnelles Yang um das Yin der traditionellen langsamen Form zu ergänzen.
   

(1)Im Original zu finden unter:   http://www.angelfire.com/mb/taiji/nonflash.html
Michael hat auch drei Bücher über Taiji geschrieben:
TAI CHI CHUAN: THE MARTIAL SIDE by Michael Babin, Paladin Press, 1992; POWER TAIJI by Michael Babin & Erle Montaigue, Paladin Press, 1995 und YANG-STYLE TAIJI by Michael Babin, Paladin Press, 2007.
   

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